Teresa Kovacs

„... die ehernen Blöcke männlichen Schaffens umkreisen“[1] – Elfriede Jelinek queert Lessing und Goethe[2]

1 Intro

Elfriede Jelinek entwickelte mit ihrem Theatertext Abraumhalde, der 2009 am Thalia Theater Hamburg durch Nicolas Stemann im Rahmen seiner Neuinszenierung von Gotthold Ephraim Lessings Nathan der Weise uraufgeführt wurde, die neue „Gattung“ des Sekundärdramas. Vergleichbar zu anderen Formen der Bearbeitung wie der Parodie, Travestie oder Kontrafaktur beziehen sich die Theatertexte, die Jelinek als Sekundärdrama ausweist, deutlich auf ein vorhandenes Drama und können auf textueller Ebene quasi als Relektüre kanonisierter Stücke angesehen werden.[3] Im spezifischen Umgang mit den aufgegriffenen dramatischen Texten und Strukturen ähneln sie ihren früheren Theatertexten Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen  hatte oder Stützen der Gesellschaften (1979)[4]Burgtheater (1982)[5], und Präsident Abendwind (1987)[6], besonders aber ihrem Text Ulrike Maria Stuart (2006)[7], der, anders als die genannten frühen Stücke, ebenfalls die bürgerliche Dramenform verlässt, auf Elemente wie Figuren, Angaben zu Ort und Zeit, auf Dialog und die Differenzierung von Haupt- und Nebentext verzichtet. Auch die Sekundärdramen mischen Hochkultur mit Trivialem, sie kombinieren die zitierten Dramen mit Versatzstücken aus weiteren literarischen Texten, aus religiösen und philosophischen Schriften sowie mit Zitaten aus journalistischen Beiträgen, aus Fernsehserien und Schlagersongs. Das Besondere dieser „Gattung“ ist jedoch, dass sie nicht bloß auf Ebene des Textes Bezug zu bestehenden Dramentexten herstellt, sondern als Konzept auch in das Theater und dessen Inszenierungspraktiken eingreift. Denn die Sekundärdramen dürfen, so fordert es die Autorin in ihrem poetologischen Essay Anmerkung zum Sekundärdrama, nicht eigenständig inszeniert werden, sondern ausschließlich gemeinsam mit den Dramen, auf die sie sich beziehen.[8] Diese Forderung besteht nicht nur auf dem Papier, sondern tatsächlich gibt Jelineks Verlag die Sekundärdramen nur dann zur Inszenierung frei, wenn die Theater Jelinek mit den Bezugstexten kombinieren bzw. auf andere Weise Verbindung herstellen und beide Texte in derselben Saison auf den Spielplan setzen. Durch das gleichzeitige Präsent-Werden zweier Texte im Moment der Inszenierung wird ein zeitliches „Nach“, wie es Parodie, Travestie, Relektüre oder Fortschreibung suggerieren, gänzlich verunmöglicht und so entziehen sich Jelineks Sekundärdramen letztlich diesen wissenschaftlichen Beschreibungskategorien. Das Sekundärdrama ist nicht auf die literarische Ebene zu reduzieren, sondern es betrifft immer auch das Theater, dessen Inszenierungsformen und –möglichkeiten[9]. Damit wendet sich Jelinek in konsequenter Weise gegen das Literaturtheater bzw. auch umgekehrt gegen das Lesedrama und unterstreicht, dass jeder Theatertext als Text immer schon unvollständig ist, dass er an das Theater gebunden bleibt und darauf angewiesen ist, dass dieses ihn fortschreibt und in Mittel der Bühne übersetzt.­­­
­Jelinek weist zwei ihrer Theatertexte als Sekundärdrama aus: das bereits erwähnte Stück Abraumhalde (2009) und FaustIn and out (2011), das Goethes Urfaust im Untertitel anführt, aber generell auf seinen Faust-Komplex anspielt und auch Zitate aus Faust I aufgreift. Auch die Wahl der Bezugstexte verweist  auf eine Besonderheit der Sekundärdramen, nämlich ziehen sie, anders als andere ihrer Theatertexte, Stücke heran, die an der Spitze des deutschsprachigen Kanons stehen und die als Klassiker am Theater entscheidend zur Identitätsstiftung v. a. des deutschen Nationalstaates beitragen. Das „In and out“, das im Titel des zweiten Sekundärdramas anklingt, verbindet sich im Rahmen dieses spezifischen Konzepts somit im ersten Moment mit Fragen der Kanonisierung, Bewertung und Hierarchisierung von literarischen Texten. Indem das „In“ in der geschlechtergerechten Schreibweise als Binnen-I an den Namen Fausts gefügt wird, werden diese Problematiken zudem mit Gender-Fragen verbunden.
Jelineks Sekundärdramen werden am Theater oftmals als weibliche Gegenschreibung zu Lessing und Goethe interpretiert und so liegt der zentrale Ansatz der Inszenierungen meist auf der Wiedereinschreibung „der Frau“ in die kanonisierten Dramen. Die bisherigen Inszenierungen präsentieren „die Frau“ jedoch durchgehend als „das Opfer“ männlicher Gewalt und fokussieren dabei zentral einen Intertext, der beiden Sekundärdramen eingeschrieben ist, nämlich den sogenannten Inzestfall von Amstetten.[10]
Der vorliegende Beitrag will über eine solche Lesart hinausgehen. Ausgehend von theoretischen Ansätzen zur Störung und unter Miteinbeziehung gendertheoretischer bzw. queerer Konzepte soll gezeigt werden, dass die Sekundärdramen zwar ein verdrängtes „Weibliches“ in die Texte einschreiben, dann aber, dekonstruktiven Ansätzen entsprechend, viel eher die Kategorisierungen selbst problematisch werden lassen, vermeintlich fest Verankertes auflösen, nachhaltig Unsicherheiten erzeugen und jeder Form der Fixierung entgegenarbeiten. So auch den Kategorien von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“, während die Inszenierungen oftmals Geschlechterkategorien und Dichotomien reproduzieren.

...

DEN ARTIKEL WEITERLESEN ALS PDF ZUM DOWNLOAD

  • Teresa Kovacs Studium der Germanistik und Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien, Promotion mit einer Arbeit über Jelineks „Sekundärdrama“. Seit 2013 bei der Forschungsplattform Elfriede Jelinek der Universität Wien. Publikationen u.a. zu Elfriede Jelinek, Christoph Schlingensief und zum Postdramatischen Theater. Zuletzt erschienen: „Postdramatik“. Reflexion und Revision (hgg. mit Pia Janke, Prasens Verlag 2015), Drama als Störung. Elfriede Jelineks Konzept des Sekundärdramas (transcript 2016).

Anmerkungen


[1] Koberg, Roland: Die Bühne ist ein klaustrophobischer Raum. Die Schriftstellerin Elfriede Jelienk im E-Mail-Austausch mit dem Dramaturgen Roland Koberg. In: Programmheft des Schauspielhauses Zürich zu Faust 1-3, 2012.

[2] Der Artikel ist erschienen in: Aussiger Beiträge 10 (2016), S. 81-97.

[3] Vgl.: Kovacs, Teresa: Unterbrechung, Übermalung, Dialog. Elfriede Jelineks „Sekundärdrama“ im Dialog mit Lessing / Goethe. In: Janke, Pia / Kovacs, Teresa (Hg.): „Postdramatik“. Reflexion und Revision. Wien: Praesens 2015, S. 226–241, S. 227f.

[4] Zu Henrik Ibsens Nora oder ein Puppenheim (1879) und Stützen der Gesellschaft (1877).

[5] Zitiert u.a. Ferdinand Raimunds Zauberspiel Der Alpenkönig und der Menschenfeind (1828).

[6] Zu Johann Nestroys Häuptling Abendwind oder das gräuliche Festmahl (1862).

[7] Zu Friedrich Schillers Maria Stuart (1800).

[8] Vgl.: Jelinek, Elfriede: Anmerkung zum Sekundärdrama. URL: 204.200.212.100 ej/fsekundaer.htm (23.02.2016).

[9] Vgl. Jürs- Munby , Karen: Abraumhalde; FaustIn and out. In: Janke, Pia (Hg.): Jelinek-Handbuch. Stuttgart: Metzler 2013, S. 203–207, S. 203.

[10] „Inzestfall von Amstetten“ bezeichnet den 2008 publik gewordenen Kriminalfall, bei dem Josef Fritzl seine Tochter 24 Jahre lang im Keller seines Wohnhauses in Amstetten (Niederösterreich) festgehalten, vergewaltigt und mit ihr mehrere Kinder gezeugt hat, die teilweise ebenfalls im Keller aufwuchsen und von denen er eines, das kurz nach der Geburt verstorben ist, verbrannt haben soll. Elfriede Jelinek äußerte sich gleich nach Bekanntwerden des Falls öffentlich im Essay Im Verlassenen zu den Vorfällen (vgl.: Jelinek, Elfriede: Im Verlassenen. a-e-m-gmbh.com/wessely/famstet.htm (23.02.2016)).